Selbstverständnis

 
 

Selbstverständnis

 

Lange sind Worte wie Rassismus und Antisemitismus ausschließlich auf die deutsche Vergangenheit angewendet worden, jedoch nicht auf die Gegenwart der bundesdeutschen Gesellschaft. Zögernd – und immer auch auf Drängen derer, die durch Antisemitismus und Rassismus verletzt werden – ist damit begonnen worden, sie auch im Blick auf unsere Gegenwart zu reflektieren.

 

Es gilt nun nicht nur, den in Deutschland vorhandenen und in letzter Zeit immer offener geäußerten Rassismus und Antisemitismus sowie weitere Ideologien der Ungleichwertigkeit in Kirche und Gesellschaft zu erkennen, sondern auch die eigenen theoretischen und praktischen Entstehungszusammenhänge besonders im eigenen Handlungsfeld einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Wir können nicht sagen: „Rassisten sind immer die Anderen!“

 

„Was aber siehst du den Splitter, der in deines Bruders Auge ist, den Balken aber in deinem Auge nimmst du nicht wahr?“ (Matthäus 7,3)

 

Unsere Frage ist: Warum haben wir in Religionspädagogik und Theologie so wenig explizites Arbeitsmaterial zur Verfügung, um mit christlicher Begrifflichkeit rassistischen und antisemitischen Selbstbildern und Gesellschaftsvorstellungen etwas entgegenzusetzen?

 

Drei mögliche Antworten sind:

  1. Es gibt dieses theologische Material nicht, welches gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Wissenschaft und Praxis etwas entgegensetzen könnte.
  2. Es gibt geeignetes Material, allerdings verstreut und ungenutzt.
  3. Das Material liegt teilweise in der eigenen biblischen Überlieferung und ökumenischen Tradition vor, ist aber kaum aufgearbeitet worden.

 

Im ersten Fall bedarf es der nachholenden Bearbeitung. Im zweiten Fall bedarf es der Mobilisierung. In beiden Fällen brauchen wir die Vernetzung, die wir hiermit anstoßen wollen. Im dritten Fall bedarf es einer Revitalisierung und Weiterentwicklung antisemitismuskritischer und rassismuskritischer Traditionen, Erfahrungen und Quellen.

 

Auf der Ebene von Landeskirchen und Gemeinden wissen wir von vielen wichtigen Projekten und Initiativen. Weniger üblich ist eine grundlegende kirchliche und theologische Reflexion der eigenen gesellschaftlichen Position und Situation unter antisemitismuskritischen und rassismuskritischen Gesichtspunkten. So haben nur sehr wenige deutsche Theolog*innen ihre eigene Involviertheit in Rassismus und Antisemitismus kritisch reflektiert und bearbeitet.

 

Das Netzwerk möchte dem auf drei Ebenen begegnen:

Erstens dient diese Website als eine Plattform für Veranstaltungen, die sich wissenschaftlich oder fachspezifisch-praktisch mit den Themen auseinandersetzen.

 

Zweitens will die Website Material bieten, das sich theologisch mit Geschichte und Gegenwart von rassistischer, antisemitischer und sexistischer Praxis auseinandersetzt, sowie mit der religionspädagogischen und theologischen Adressierung dieser Wirklichkeit.

 

Drittens reflektiert das Netzwerk sich selbst als Teil des Problems, denn nur so entkommen wir einer überheblichen, moralisch aufgeladenen Rechthaberei, die am Ende nichts ändern kann. In diesem Sinne ist kein Beitrag und Gedanke als selbstgewisse Antwort zu verstehen, sondern als selbstkritischer Versuch, die eigene Praxis und Theoriebildung zu prüfen, um die zentralen Kategorien christlicher Existenz und Theologie für die Auseinandersetzung mit rassistischen und antisemitischen Denkwelten und Praxen produktiv zu machen.

 

Als eine zentrale Kategorie christlicher Existenz versteht das Netzwerk die gottgewollte Gleichwertigkeit aller Menschen in ihrer Verschiedenheit (Diversität), wie sie in Gen 1,27 und Gal 3,28 ausgesprochen wird:

 

„Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.“ „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“

 

Auf dieser biblischen Grundlage sind die Fortwirkungen der kirchlichen Traditions- und Kolonialgeschichte auf uns Heutige selbstkritisch zu reflektieren, damit weder harmonisierende Idealisierungen oder Selbstidealisierungen, noch abwertende Unterscheidungen als menschliche Konstruktionen das letzte Wort behalten.

 
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